Eine ausgezeichnete Abschlussarbeit erschließt neue Anwendungsfelder: Rundum-Radarblick durch kreative Technik

Die Technikerin Olivia Lehmann erhielt eine Auszeichnung für die Entwicklung einer neuartigen Konstruktion für den 360°-Radarscanner des Fraunhofer IAF.
© Foto Fraunhofer IAF

Die Technikerin Olivia Lehmann erhielt eine Auszeichnung für die Entwicklung einer neuartigen Konstruktion für den 360°-Radarscanner des Fraunhofer IAF.

Der komplette Radarscanner: Im unteren silbernen Bereich befindet sich das Radarmodul, oben ist der Spiegel befestigt.
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Der komplette Radarscanner: Im unteren silbernen Bereich befindet sich das Radarmodul, oben ist der Spiegel befestigt.

Die Radartechnologie des Fraunhofer IAF ermöglicht hochpräzise Abstandsmessungen, auch über Hindernisse hinweg. Doch um das Radarsignal auch für umfassende  Rundum-Messungen, beispielsweise für mehr Sicherheit in Industriehallen nutzen zu können, bedarf es einer flexiblen, robusten und exakt angepassten technischen Lösung. Olivia Lehmann, IAF-Mitarbeiterin und Absolventin der Richard-Fehrenbach-Gewerbeschule hat im Rahmen ihrer Abschlussarbeit der Ausbildung zur Technikerin ein Haltesystem für das 94 GHz-Radarmodul entwickelt, welches eine 360°-Streuung des Radarsignals ermöglicht. Olivia Lehmann wurde für die beste Abschlussarbeit des Jahrgangs ausgezeichnet – und dem Fraunhofer IAF erschließen sich damit neue Anwendungsbereiche. Welchen Beitrag eigene Motivation zu innovativen Ergebnissen leistet, schildert die Technikerin im Interview.

In welchem Bereich des Fraunhofer IAF bist du tätig und was sind deine Aufgaben?

Ich arbeite in der Abteilung Mikroelektronik; hier liegen meine Aufgaben im Bereich der Konstruktion: Ich entwerfe beispielsweise Halterungen für Radar-Module in Satellitenschüsseln oder Platinengehäuse. Diese Konstruktionsentwürfe gehen dann zur Fertigung in die Werkstatt des Fraunhofer IAF.

Du wurdest für die beste Abschlussarbeit deines Jahrgangs ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch! Was war Inhalt deiner Arbeit?

Das Thema »Entwicklung, Konstruktion, Montage und Inbetriebnahme einer Vorrichtung für einen Radarscanner« ergab sich aus einem aktuellen Bedarf der Wissenschaftler: Man hatte zum Ziel, das hier entwickelte 94 GHz-Radarmodul für Rundum-Messungen nutzbar zu machen. Dafür war es notwendig, eine Vorrichtung anzufertigen, die das Radarsignal nicht nur in eine Richtung, sondern zeitgleich im 360°-Radius in den Raum schickt. Die Herangehensweise an das Thema wurde ganz mir überlassen – dadurch konnte ich meiner Kreativität freien Lauf lassen und nach der technisch besten Lösung suchen. Wichtig war das Ziel – einen Rundum-Radarscanner zu ermöglichen.

Und wie sieht deine Lösung aus?

Meine Lösung bestand darin, eine feste Basis zu entwerfen, in der das Radarmodul verankert ist, sodass der Radarstrahl senkrecht nach oben strahlt. Oberhalb des Radarmoduls brachte ich einen Parabolspiegel an, der das Radarsignal bündelt und fokussiert. Durch eine Neigung des Spiegels um 45° sowie durch ein konstantes Drehen wird das Signal abgestrahlt und zugleich im 360°-Radius rundum in den Raum gesendet.
Wichtig für die Anwendung in der Industrie ist zudem, dass das Radarmodul auf verschiedene Entfernungen messen kann. Daher habe ich drei verschieden Parabolspiegel entworfen, die auf 5 m, 10 m oder 100 m fokussieren. Diese können je nach Bedarf vor Ort schnell und flexibel ausgetauscht werden.

Inwieweit wird die von dir entwickelte Vorrichtung auch in Zukunft am Fraunhofer IAF eingesetzt?

Das von mir entworfene System ist derzeit in einem Demonstrator des 360°-Radarscanners im Einsatz. Dieser demonstriert bei Messen oder Kundenbesuchen die Technologie und das Leistungsangebot des Fraunhofer IAF.
Die Vorrichtung kann natürlich reproduziert werden und wird somit künftig bei Anwendungen des Rundum-Radarscanners zum Einsatz kommen. Das könnte zum Beispiel in Industriehallen der Fall sein, in denen die automatisierten Abläufe der Maschinen konstant überwacht werden sollen.  Auch Einsätze des Radarscanners mit dieser Vorrichtung zur Identifizierung und Lokalisierung von Drohnen in der Luft sind denkbar.

Was war für dich die Motivation zu deiner Technikerinnen-Ausbildung?

Ursprünglich habe ich die Ausbildung zur Technischen Zeichnerin gemacht und bereits einige Jahre in diesem Beruf gearbeitet. In Teams mit Konstrukteuren und Technikern war ich dafür zuständig, Zeichnungen von bereits erstellten 3D-Modellen bestimmter Bauteile zu entwerfen, um diese zur Fertigung an die Werkstatt zu übergeben. Dabei hat mir der Einsatz meiner eigenen Kreativität gefehlt – die Möglichkeit, selbst zu gestalten und eigene Lösungswege zu entwickeln. Deshalb hatte ich mich zur weiteren Ausbildung zur Technikerin entschieden.

Wie hast du dabei ans IAF gefunden?

Für die Abschlussarbeit im zweiten Lehrjahr habe ich mich initiativ beim Fraunhofer IAF beworben, weil ich mir den Forschungsbereich als spannenden Einsatzort für technische Konzepte vorstellte. Gleich bei unserem ersten Treffen erläuterte mir mein Betreuer, Dr. Axel Hülsmann, die Idee und das anvisierte Ziel, betonte aber zugleich, dass die Ausgestaltung und Umsetzung in meinen Händen liegen würde. Das war genau das, was ich gesucht hatte!
Die Arbeit an und für sich, die Atmosphäre in der Abteilung und die Begeisterung der Wissenschaftler motivieren mich jeden Tag aufs Neue. So wurde meine Abschlussarbeit für mich zu einem Projekt, in dem ich mich und meine Ideen selbst verwirklichen konnte – und das mich durch den Erfolg und den mir entgegengebrachten Respekt ein großes Stück weiter gebracht hat!

Deine Ausbildung hast du nun abgeschlossen. Wohin wird dich dein weiterer Weg führen?

Meine Arbeit hier bei Fraunhofer hat mich persönlich sehr gestärkt und meine Hoffnungen bestätigt, dass ich mehr leisten kann, als ich früher dachte. Daher möchte ich noch mehr lernen. Nun studiere ich seit Oktober Maschinenbau, um danach im Entwicklungsbereich eines Industrieunternehmens zu arbeiten.

Welche Ziele möchtest du in 20 Jahren erreicht haben?

Mein langfristiges berufliches Ziel ist die Lehre! Nach einigen Jahren Berufserfahrung möchte ich sehr gerne mein Wissen weitergeben und selbst als Lehrerin oder Dozentin aktiv werden. Ich denke, eine ganz wichtige Grundlage für eine gute Lehre ist es, von der Materie überzeugt und begeistert zu sein und einen großen Erfahrungsschatz mitzubringen. Das möchte ich mir bis dahin aneignen – und die Begeisterung beibehalten.

Was genau begeistert dich als Technikerin an der Arbeit am Fraunhofer IAF?

Insgesamt fasziniert und begeistert mich die große Toleranz und Offenheit: jeder wird hier als gleichwertig angesehen, jeder soll die gleichen Chancen erhalten und jeder hat die Möglichkeit, sein Können unter Beweis zu stellen. Ich werde hier zum Ausprobieren neuer Lösungswege motiviert – auch wenn es manchmal zunächst zu Misserfolgen führt. Nur so können neue Konzepte entstehen. Während meiner Ausbildung und in meinen bisherigen Tätigkeiten wurde ich oft mit der nach wie vor bestehenden Problematik konfrontiert, als Frau in einem technischen Beruf akzeptiert zu werden. Das stand hier von Anfang an nie zur Debatte!
Vielleicht ist es die ständige Arbeit mit neuen Technologien und Möglichkeiten, was eine solch offene und kreative Atmosphäre schafft. In jedem Fall mitreißend, motivierend und immer wieder spannend.

Wie würdest du das Fraunhofer IAF in drei Stichworten beschreiben?

Gleichheit – Flexibilität – Begeisterung

Mitarbeiter des Fraunhofer IAF im Interview