»Unser Qualitätsmanagementsystem beginnt und endet beim Kunden.«

Ein Überblick über das Qualitätsmanagement am Fraunhofer IAF

Der Leiter des Qualitätsmanagements am Fraunhofer IAF, Dr. Harald Müller, gibt einen Einblick in seinen Arbeitsbereich und spricht über die besondere Funktion des Qualitätsmanagements an einer Forschungseinrichtung. Wie läuft eine kontinuierliche Verbesserung von Prozessabläufen, wer ist daran beteiligt und wie profitieren Kunden davon?

Das Qualitätsmanagement am IAF entstand vor fast zwei Jahrzehnten aus der Erkenntnis des damaligen Institutsleiters, dass es in Zukunft zunehmend wichtig sein wird, industriellen Kunden zertifizierte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen anbieten zu können, die internationalen Standards gerecht werden. Bei diesem ambitionierten Unterfangen begleitete eine lokale Beratungsfirma das Institut auf seinem Weg, eine der wenigen zertifizierten Forschungseinrichtungen im Bereich der Halbleitertechnologie zu werden. Im ersten Schritt galt es, die Arbeitsabläufe sinnvoll zu strukturieren, geeignete Schnittstellen zu definieren und damit Risiken zu minimieren. Parallel dazu musste die interne Kommunikation und die Ablauforganisation professionalisiert werden. Dies gelang durch interne Arbeitsgruppen, welche sich, unterstützt durch fachkundige Beratung, der Aufgaben annahmen. Eine der ersten Maßnahmen war die Vereinheitlichung  der bis dato dezentral, d.h. abteilungsspezifisch organisierten IT mit dem Ergebnis einer zentralen Datenablage und professionellen Datensicherung.

 

DIN EN ISO 9001

Seit 2001 unterhält das Fraunhofer IAF ein Qualitätsmanagementsystem für seine Forschungs- und Entwicklungsarbeiten, welches durch die TÜV Süd Management Service GmbH nach der international anerkannten Norm DIN EN ISO 9001 zertifiziert wurde. Somit sind alle relevanten Abläufe für den Forschungsbetrieb nachweislich definiert und dokumentiert. Über interne und externe Audits werden die Vorgaben hinsichtlich ihrer tatsächlichen Funktionalität jährlich überprüft. Damit verfügt das Fraunhofer IAF über einen unabhängigen, international anerkannten Nachweis, dass hinsichtlich der Organisationsstruktur nachhaltige Qualität geboten werden kann.

Herr Müller, was erhält ein Qualitätssiegel an einer Forschungseinrichtung?

Dr. Harald Müller: »Eigentlich verdient alles, was an den Kunden geht, den Stempel ›Qualität‹. Als gemeinnützige Forschungseinrichtung sind jedoch nicht unsere ›Produkte‹, sondern unsere Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungsangebote zertifiziert. Trotzdem gibt es auch Anfragen seitens der Industrie, die gerne die von uns entwickelten Protoptypen in Kleinserie geliefert haben möchten. So zum Beispiel die ESA, die für ihre neuen Wettersatelliten spezielle Hochfrequenz-Chips angefragt hatte. Diese sind mit den geforderten Leistungsdaten auf dem Weltmarkt nicht frei erhältlich. Normalerweise bräuchte die ESA einen Lieferanten, der über eine entsprechende Luft- und Raumfahrtzertifizierung verfügt. Diese besitzen wir zwar nicht, dafür gibt es aber die Möglichkeit, dass der Kunde im Rahmen eines Audits zu uns kommt, prüft wie wir arbeiten, und dann genau für dieses Produkt und für diesen Einsatzzweck spezielle Zusatzanforderungen stellt. So konnte das IAF, in diesem Falle auch ohne formelle Luft- und Raumfahrtzulassung, die benötigten Chips für die ESA liefern. Denn da, wo es keinen kommerziellen Hersteller gibt, springt das IAF in die Bresche und bietet auch kleine Stückzahlen mit höchster Funktionalität.

Unser Qualitätsmanagementsystem beginnt und endet beim Kunden. Das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, denn es gilt, bei jedem Kunden genau zu erfassen, was dieser konkret von uns erwartet. Wir stehen beratend zur Seite und wenn sich alle Beteiligten einig sind, entsteht ein Auftrag, der in dem entsprechenden Finanz- und Zeitrahmen erfüllt wird – Und das ist dann Qualität.«

Wie profitieren die Auftraggeber davon?

Dr. Harald Müller: »In erster Linie geht es um Vertrauen. Wir leben von dem Vertrauen und der Zufriedenheit unserer Kunden. Wenn uns ein Kunde noch nicht kennt, aber das Zertifikat sieht, wird er darauf vertrauen, dass unsere internen Abläufe sauber geregelt und überwacht werden und damit übliche Industriestandards erfüllen. Dies gibt unseren Kunden eine Sicherheit, zumal strategische Partnerschaften oftmals über Jahre hinweg aufgebaut werden. Außerdem ist es immer noch so, dass bei weitem nicht alle Forschungseinrichtungen zertifiziert sind. Auch innerhalb  der Fraunhofer-Gesellschaft sind nicht alle Institute zertifiziert. Es ist zwar heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr, aber wir stechen dennoch aus der Masse heraus.«

 

Kann man Qualität managen, ohne die Forschung einzuengen?

Dr. Harald Müller: »Das ist eine der schwierigsten Aufgaben. Dabei ist sehr viel Überzeugungsarbeit notwendig, denn eigentlich sind geregelte Abläufe im Sinne des Qualitätsmanagements und Forschung ein Widerspruch in sich, da gerade die Wissenschaft vom Ausprobieren und ständigen Veränderungen lebt. Trotzdem benötigt man auch in der Forschung verlässliche Rahmenbedingungen und eine zuverlässige Infrastruktur. Beispielsweise müssen die Kollegen die Anlagen und Geräte vorbeugend warten, damit diese in der Lage sind, innerhalb ihrer Spezifikation verlässliche Leistungen zu erbringen. Das ist keine Einengung der Forschung, sondern vielmehr eine Voraussetzung dafür, dass sich das ›Handwerkszeug‹ jederzeit in einem vernünftigen Zustand befindet. Diese Grundvoraussetzung gilt vom Industriebetrieb bis hin zur Forschungseinrichtung.«

Das Qualitätsmanagementsystem beginnt und endet beim Kunden. © Fraunhofer IAF

Was sind ihre Aufgaben als Leiter des Qualitätsmanagements?

Dr. Harald Müller: »Die ISO 9001 Norm schreibt einen Qualitätsmanagementbeauftragten vor, der sich zentral um das Qualitätsmanagement kümmert. Es ist eine organisatorische Funktion. Dazu habe ich in jeder Abteilung QM-Ansprechpartner, ohne die es nicht ginge. Denn man muss immer aufpassen: Qualitätsmanagement ist Mittel zum Zweck, es darf nicht als ›besserwisserisch‹ von oben verordnet empfunden werden, sondern es muss von innen heraus definiert werden und zwar von den Leuten, die wirklich an der Front arbeiten. Nur diese haben wirklich Ahnung vom Alltagsgeschäft und können sagen, was sinnvoll umgesetzt werden kann und was eben nicht. Dabei ist ein gewisses Maß an Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation immer eine hervorragende Ausgangsituation, um Verbesserungen anzustoßen. Meine Aufgabe besteht darin, all das entsprechend zu organisieren und sicherzustellen, dass wir das jährliche TÜV Audit bestehen.«

 

Von dynamischen Prozessen und Teamarbeit

Um in einem großen Forschungsinstitut wie dem Fraunhofer IAF ein erfolgreiches Qualitätsmanagement durchzuführen, ist ein Netzwerk aus internen Auditoren und QM-Beauftragten unabdingbar. Auditoren sind vom Fraunhofer IAF speziell ausgebildete Mitarbeiter, die in kleinen Teams die regelmäßigen internen Audits durchführen. Sie erhalten damit einen tiefen Einblick in die verschiedenen Abteilungen des Instituts.

Dr. Harald Müller: »Die Regelungen unseres Qualitätsmanagements sind nicht in Stein gemeißelt. Man fängt nach bestem Wissen und Gewissen an und überprüft dann, ob eine Regelung tatsächlich sinnvoll und angemessen ist. ›Wenn ja‹ bleibt sie; ›wenn nein‹ passt man sie an, bis eine möglichst genaue Übereinstimmung von Regelwerk und täglichem Leben vorliegt.«

Für ein erfolgreiches und selbstreflektiertes Qualitätsmanagement hilft ein Ansatz, wie etwa der PDCA-Zyklus. Anhand dieses Schemas kann man Verbesserungen normgerecht testen und umsetzen.

Dr. Harald Müller: »Eine der wichtigsten Aufgaben des Qualitätsmanagementsystems ist es, strategisches Wissen systematisch zu identifizieren, zu schützen und zu erhalten, damit das Fraunhofer IAF auch in Zukunft eine exzellente Leistung anbieten kann. Eine stetige und umfassende Datenaufzeichnung anzufertigen ist dafür essentiell, damit eine sogenannte ‚traceability‘ erreicht wird. Dadurch wird nämlich gewährleistet, dass die Arbeitsprozesse fortwährend evaluiert werden können. Denn Qualitätsmanagement lebt davon, dass man permanent hinterfragt, was man tut.«

Weiterführende Informationen

Qualitätsmanagement am Fraunhofer IAF

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